29. September 2020
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Das Schlafschaf und die kognitive Dissonanz

„Wir müssen erkennen, dass die Duldung eines ungerechten Systems bedeutet, mit diesem System zusammenzuarbeiten und so zu seinem Komplizen zu werden.“

Martin Luther King

Wenn wir hören, dass bestimmte Aussagen Verschwörungstheorien sind, dann sind wir zunächst dagegen. Erst mal, weil der Urheber völlig unglaubwürdig ist und außerdem, weil sich die angebliche Verschwörung auch anders plausibler erklären lässt, ohne unsere heile Welt zu zerstören. Da muss man natürlich fragen, warum die Medien oder Politiker, die den Verschwörungstheoretiker als solchen hinstellen, als glaubwürdiger wahrgenommen werden als dieser. Weil es so ist oder weil man möchte, dass es so ist?

Gerade heute in Corona-Zeiten erleben wir, dass eine zunehmende Zahl von renommierten Wissenschaftlern von den Medien diskreditiert wird, da sie angeblich die Menschen gefährden würden, während die Maßnahmen der Regierung, die nicht unerheblich sind, nur das Wohl der Menschen im Sinne hätten.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Schon mit diesem Satz wurde die kognitive Dissonanz beschrieben. Je stärker Kritiker und kritische Stimmen unterdrückt werden, desto öfter sollten wir uns die Frage stellen, warum. Ist es pure Rechthaberei derjenigen, die möglicherweise nicht kritikfähig sind oder steckt etwas anderes dahinter. Ich möchte mich nicht bei den Verschwörungstheoretikern einreihen, sondern habe dies als Beispiel gewählt, um einmal zum Denken anzuregen und um nachfolgend die kognitive Dissonanz zu erklären.

Im Falle der Maßnahmen im Zuge der Corona-Krise möchte ich nicht unterstellen, dass es eine vorsätzliche oder gar böse Absicht der Regierenden war, diese Maßnahmen zulasten der Grundrechte der Bürger zu treffen. Aber ich möchte die Frage offenlassen, ob es nun Gründe dafür gibt, die Maßnahmen nicht zurückzunehmen, zum Beispiel um sein Gesicht zu wahren und Fehler unter den Teppich zu kehren. Dies kann sich jeder selbst beantworten und gegebenenfalls recherchieren. Ich möchte nun auf die kognitive Dissonanz eingehen, deren Ausprägung sich auch in dem Satz, die Deutschen sind ein Volk von Schafen, wiederfindet.

Was ist kognitive Dissonanz?

Klassisch wird diese am Beispiel des Rauchers erklärt. Der Raucher ist sich dessen bewusst, dass es Studien und Forschungsergebnisse gibt, die dem Rauchen die erhebliche Mitwirkung an der Entstehung von Krankheiten zuschreiben. Der Raucher hat aber diverse Gründe dafür, zu rauchen. Dies ist nicht nur die Sucht, sondern auch zum Beispiel eine gefühlte Leistungsfähigkeit oder die Eigenschaft des Nikotins, zu beruhigen oder zu erquicken. Nun stehen dem Raucher zwei Gegensätze gegenüber, die einen innerlichen Konflikt, eine Dissonanz, in ihm hervorrufen. Diese Dissonanz verursacht seelischen Schmerz. Um diesem Schmerz zu entgehen, muss der Raucher eine von beiden Möglichkeiten wählen, da beide nicht miteinander vereinbar sind. Die erste wäre, er gibt das Rauchen auf, die zweite, er passt seine Kognition entsprechend an, sodass für ihn die andere Variante weniger Gültigkeit oder Bedeutung hat. Das tun die meisten Raucher. Sie finden Gründe, warum das Rauchen, warum die Argumente für das Rauchen denen gegen das Rauchen überwiegen, diskreditieren innerlich die Urheber der anderen Argumente und vor allem vermeiden sie eine weitere Wahrnehmung der ihnen unliebsamen Argumente. Zum Beispiel lesen sie mehr Artikel, die dem Nikotin positivere Eigenschaften zuschreiben, vermeiden aber Studien gegenteiliger Ansichten.

Was hat der Raucher mit der Masse unseres Volkes gemeinsam?

Wir leben in einer Demokratie. Das Volk hat in dieser Regierungsform das Sagen. Davon gehen wir mehrheitlich aus. Unser Wille wird durch Wahlen zum Ausdruck gebracht. Politiker haben nur das Beste im Sinn. Wenn es nicht das Beste ist, haben sie Fehler gemacht, da die Politik so kompliziert ist und wir anderen es sowieso nicht verstehen würden.

Zurzeit werden Grundrechte außer Kraft gesetzt. Das Heiligtum einer jeden Demokratie. Warum? Zum Schutze der Mehrheit, so heißt es. Zurzeit stellen immer mehr Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen die Auswirkungen der Pandemie infrage. Verfassungsrechtler bezweifeln die Legalität der Maßnahmen in Bezug auf unser Grundgesetz. Die meisten Medien und Politiker bis hin zu unserer Bundeskanzlerin wehren diese Stimmen ab, indem sie sie als gefährlich bezeichnen und sogar in die Ecke der Verschwörungstheoretiker stellen. Absurderweise sind die meisten dieser kritischen Stimmen fachlich hoch anerkannte Wissenschaftler, die teilweise eine höhere Expertise haben, als die von der Bundesregierung mit der Beratung betrauten Wissenschaftler.

Wir glauben der Politik und den Medien.

Warum?

Wir sind nun der Raucher. Die kritischen Wissenschaftler sind die, deren Stimmen wir nicht hören wollen. Wir geben uns lieber der Illusion hin, dass unsere Regierung und die Presse recht haben. Würden wir uns jetzt eingestehen, dass dies nicht der Fall ist, vor allem bei dieser Dimension der Ereignisse, müssten wir unser gesamtes Weltbild auf den Kopf stellen. Dies verursacht erheblichen seelischen Schmerz.

Wir stehen gerade vor der Wahl, Verfassung, Grundgesetz, Einschränkungen unbekannten Ausmaßes, inklusive der Einführung von Überwachungs-Apps und Impfpflicht in Kauf zu nehmen oder unser (lebenslanges) Weltbild einstürzen zu lassen. Die meisten Menschen bemerken gerade teils unbewusst diesen seelischen Schmerz, den die sich gegenüberstehenden Pole verursachen. Je mehr, desto stärker ist die kognitive Dissonanz gerade zu spüren. Fast verzweifelt klammert „man“ sich an die Aussagen der Regierung und der Presse, die man so gern glauben würde. Die Ausrede wird auch gleich mitgeliefert: Wir tun es für die Schwächsten – und wer will schon schuld sein, Egoist sein, schlechter Bürger sein (wie man uns mit allen Mitteln der Manipulation suggeriert). Wobei angemerkt sei, dass aktuell bedeutende Chefredakteure von Leitmedien inzwischen scheinbar die „Seiten gewechselt“ haben. Es seien hier Jan Fleischhauer und Julian Reichelt genannt. Weiter auch Jakob Augstein als prominenter Verleger.

Sie stehen nun vor der Wahl, einmalig seelischen Schmerz zu erleiden, oder langfristig in Ihren Rechten, Freiheiten, in ihrem wirtschaftlichen Wohlstand eingeschränkt zu werden.

Wieso gibt es immer mehr Kritiker?

Wird die „Überzeugungsarbeit“ überzogen, stellt sich Reaktanz ein. Reaktanz ist die Reaktion auf die Einschränkung der persönlichen Freiheit. Merkt ein Kunde, dass er zu einem Kauf überredet werden soll, setzt dieser Widerstandsprozess ein. Wir sind die Kunden, die die Politik der Regierung „kaufen“ sollen. Die Politik wirbt um Zustimmung, möchte wiedergewählt zu werden. Dabei geht es häufig um nicht mehr und nicht weniger als die Karrieren und Existenzen der Berufspolitiker, und diese beinhalten möglicherweise auch den Job beim Lobbyisten im Anschluss. Daher setzen diese natürlich alles ein, um ihre Entscheidungen als die bestmögliche Lösung zu verkaufen. Wird die Darstellung allerdings übertrieben und weicht zu sehr von der Realität ab, fühlt sich der Wähler zu etwas gedrängt, was er nicht möchte, und wählt seine Alternativen. So können die gegnerischen Positionen plötzlichen mehr Zuspruch erhalten.

Da immer mehr Menschen heute die politischen Entscheidungen nicht mehr nachvollziehen können und sie ihre Dissonanz im Gegensatz auflösen, indem sie sich mit den unbeliebten Fakten arrangieren, entsteht eine oppositionelle Einstellung zur aktuellen Politik. Diese manifestiert sich heute sichtbar zum Teil in Extremen. Hierbei empfindet der potentielle Wähler nun unwahre Versprechen und Fakten als schmerzhaft. Umso stärker wird sein Widerstand.

Dies ist eine Situation, wie wir sie heute erleben, teils als (bis jetzt!) verwunderter Zuschauer, teils aktiv. Wir erleben eine Zustimmung zur Regierung von vielen, die um nichts in der Welt von ihrem gefestigten Weltbild abweichen wollen, da dies Schmerz bedeutet. Auf der anderen Seite sehen wir diejenigen, die für sich erkannt haben, dass die Regierung sie zur Zustimmung drängen möchte und dass die Taten von den Versprechen erheblich abweichen. Somit entstehen heute zwei extreme Fronten, was sich in der Polarisierung der Gesellschaft bis hin in Extreme auf beiden Seiten widerspiegelt.

Wir leben heute in einer Zeit der Sozialpsychologie.

Philip Zimbardo wurde als einer der bekanntesten Sozialpsychologen als Experte für die Vorfälle in Abu Ghraib (Misshandlungen und Folter von Gefangenen durch US-Soldaten) hinzugezogen. Schon in seinem Stanford Prison Experiment trieb ihn die Frage um, wie weit Menschen gehen würden und warum. In seinem lesenswerten Buch „Der Luzifer-Effekt“ schreibt Zimbardo: „Wenn Inkompetenz sich mit Desinteresse und Unentschlossenheit verbündet, ist das Ergebnis Untätigkeit, obwohl energisches Handeln überlebensnotwendig wäre.“

Weiter erlaube ich mir, sein Resümee in Form des Zehn-Stufen-Programms zur Abwehr unerwünschter Einflüsse am Ende des Buches zu zitieren, da es sehr gut in die heutige Zeit passt:

Ich habe einen Fehler gemacht

Ich bin achtsam

Ich bin verantwortlich

Ich werde meine persönliche Identität behaupten

Ich respektiere gerechte Autorität, rebelliere jedoch gegen ungerechte Autorität

Ich will von der Gruppe akzeptiert werden, doch meine Unabhängigkeit ist mir wichtig

Ich werde gegenüber irreführenden Darstellungen wachsamer sein

Ich werde meine Zeitperspektive ausbalancieren

Ich werde meine persönlichen oder bürgerlichen Freiheiten nicht für die Illusion von Sicherheit opfern

Ich kann mich ungerechten Systemen widersetzen

Bisher stellen sich nur wenige mutige, meist aber auch finanziell unabhängige Menschen gegen Fehlentwicklungen in unserem System. Heute sind unsere Freiheiten und mehr noch die unserer Kinder in einer neuen großen Gefahr. Wir können zusehen, es ertragen und die Zukunft mit Reue erleben oder jetzt um 5 vor 12 alles einsehen und aufstehen. Jeder von uns.

Wer zum Bespiel die Interviews mit Prof. Dr. med. Sucharit Bhakdi gesehen hat, weiß, was ich meine. https://www.youtube.com/channel/UCgjxQLDkeoa-uJu4sE0eNrg

G/QUAST, 05.05.2020